„Generation Identitaire“("Die Identitären") Geht es wirklich um Identität?

14.06.2015

Rechte im Wandel- zwischen sozialem Protest und der Suche nach der Volksgemeinschaft
"Wir sind die Identitäre Generation (...) Wir sind die doppelt bestrafte Generation: Verurteilt ein soziales System zu erhalten, das zu Fremden großzügig ist, das für uns nichts mehr übrig hat(..) Täuscht euch nicht! Dieser Text ist kein einfaches Manifest: es ist eine Kriegserklärung!"
Mit diesen Worten wenden sich die Mitglieder von Gruppen rund um die französische Bewegung „Generation Identitaire“("Die Identitären") an eine europäische Jugend, die sich gegen eine angebliche Überfremdung und Islamisierung wehren und für ein Europa der souveränen Völker kämpfen soll.


Auftreten und Agitation wirken moder: Die Identiäre Bewegung nutzt Stilmittel aus der Popkultur. Mit Flashmobs und Slogans wie „Tanzen gegen Toleranz“ oder „Multikulti wegbassen“ schaffen sie eine Atmosphäre, die vielen Jugendlichen attraktiv erscheint. Oft bedienen sie sich Methoden, die bisher eher Ausdruck der politischen Kultur in der gesellschaftlichen Linken waren. Dabei werden jedoch statt fortschrittlicher Gedanken alte Vorurteile und Ängste angesprochen. Das Konzept: völkischer Ethnopluralismus.
Als Zeichen wird – ganz in faschistischer Tradition - ein altes Symbol missbraucht, das antike Lambda-Zeichen, welches seit Jahren in der Schwulen und Lesbenbewegung verwendet wird. Es ist auch das Zeichen der 300 Spartaner aus dem verfilmten Comic „300“, die sich mit einer kleinen Gruppe gegen ein riesiges, feindliches Heer stellen. In einer ähnlichen Situation sehen sich wohl auch die Anhänger der Identitären, die sich durch eine offene und bunte Gesellschaft bedroht fühlen.
Die aus Frankreich stammende Bewegung ist auch nach Österreich übergeschwappt. Dort werden seit September öffentliche Aktionen gestartet.So zum Beispiel ein identitärer Tanz-Flashmob Anfang Oktober, der einen afro-haitanischen Tanzworkshop auf einem Platz in Wien terrorisierte. Oder die Besetzung einer Kirche, in der Asylbewerber zum Hungerstreik für bessere Behandlung durch die Behörden aufgerufen hatten. Die maskierten Identitären verbreiteten ihre rassistischen Meinungen auf Plakaten, durch Parolen, Musik, zivilen Ungehorsam und dergleichen. Eine bekannte Aktionsform der Identitären ist die kurzfristige Besetzung von symbolträchtigen Einrichtungen (z.B. eine Moschee, die Agentur für Grundrechte in Wien usw.) und das laute skandieren von rassistischen Parolen..
Die Aktionen beschränken sich oft auf Agitation, sei es durch das Verteilen von Flugschriften, die Präsenz auf einschlägigen sozialen Netzwerken oder das Aufhängen von Bannern und Transparenten. Allerdings sind im Facebookauftrit der Identitären mittlerweile auch Aufrufe zur gewaltbereiten Verteigung der eigenen Kultur zu finden (s.u.).
Auch In Frankreich verfügt die Bewegung über eine erschreckendeVernetzung und Organisation von rechtsradikaler Ausprägung.
Mitglieder der französischen Gruppen besetzten am 20.10.2012, für etwa sechs Stunden, das Dach einer Moschee in Poitiers (Frankreich), um von dort aus mit Transparenten und Sprechchören gegen Einwanderung und angebliche Islamisierung zu hetzen.
Die Aktion erregte europaweit Medieninteresse, wenn auch ein großes Echo ausblieb.
Am 3. und 4. November 2012 fand in Frankreich ein „Identitärer Kongress“ statt, auf dem Mitglieder der Bewegung aus unterschiedlichen Ländern (Deutschland, Frankreich, Österreich,…) zusammenkamen. Das Treffen fand, von den Medien nur wenig beachtet, ohne Gegenproteste statt.
Die identitäre Bewegung Deutschland hatte nach nur einem Monat nahezu 2000 Mitglieder auf Facebook. Und das Netzwerk breitet sich besorgniserregend aus: Derzeit gibt es bundesweit 22 Facebook-Ableger, die sich als Teil der französischen Bewegung verstehen.
Rechte Internet-Blogs, Zeitschriften und Magazine, allen voran die zur Neuen Rechten zählende Blaue Narzisse, berichteten Zeitweise fast täglich über die Bewegung und hoffen auf eine neue Jugendbewegung, auf ein „Occupy von Rechts“.
Zunächst sind die „Die Identitären“ in Deutschland nur online, in diversen rechten Blogs und auf Facebook aktiv geworden. Am 30.10.2012 stürmten Anhänger der identitären Bewegung die Auftaktveranstaltung der interkulturellen Tage in Frankfurt. Videos im Internet zeugen von identitären „Sommercamps“, in denen Boxwettkämpfe und körperliches Training stattfinden. Die bedrohliche Atmosphäre wird mit Selbsterklärungen, wie, „Wir sind die Bewegung, die lieber in die Offensive geht, als feige alles abzunicken, in Tatenlosigkeit zu verharren und sich selbst zu leugnen.“, ergänzt und weckt schnell den Anschein einer gewaltbereiten „Verteidigungstruppe gegen den Islam“.
Es ist davon auszugehen, dass zur Zeit die meisten Mitglieder der deutschen Bewegung noch fast ausschließlich aus der rechten Szene kommen, doch die sich hauptsächlich auf Facebook präsentierenden Gruppen finden immer mehr Interessierte. Dies hängt vor allem damit zusammen, wie sich „Die Identitären“ nach außen hin darstellen.
„100% Identität 0% Rassismus“, so lautet die Überschrift einer von vier Grundsatzpositionen.
Das „Ziel ist demokratisch“ heißt es weiter. Von linken sowie rechten politischen Strömungen wird sich abgegrenzt.
Doch ließt man genau, wird schnell klar, dass das Austauschen von Begriffen wie Rasse und der positive Bezug auf Patriotismus und Volk nur Maske sind und die angestrebten Ziele alles andere als demokratisch.
Fremdenfeindlichkeit wird in sozialdarwinistischer Manier damit gerechtfertigt, dass angeblich fremde Einwanderer die Souveränität und Lebensgrundlagen, in Form von Arbeit und sozialstaatlicher Absicherung , des jeweils eigenen Volks ausnutzen und damit gefährden würden.
In einem Facebookbeitrag auf der offiziellen Seite der identitären Bewegung Hessen schreibt ein Nutzer am 21.5.2015: „Hört endlich auf zu jammern, hört auf über die Migranten und Politker zu schimpfen die uns wie den letzten Dreck behandeln, stattdessen geht in Kampfsportverein, treibt Sport und sucht Schützenvereine auf um dann im Moment des Angriffs wehrhaft und bereit zur Verteidigung zu sein, so wie es unsere Großväter noch waren.“ Kommentiert wird dieser Beitrag mit: „bei uns waere der afrikaner entweder krankenhausreif geschlagen oder tot, so is es auf dem Balkan.“ Beide Statements wurden von den Administratoren der Seite nicht gelöscht.
Auf der Homepage der deutschen Identitären werden die deutschen Bundesländer in ihrer heutigen Form nicht anerkannt. Auf einer Deutschlandkarte werden Länder wie Ostfalen, Franken oder Schwaben gezeigt.
Die Botschaft die vermittelt wird, ist also nicht wirklich neu, sie knüpft an weit verbreitete Vorurteile an und ist vor allem in Zeiten einer Wirtschaftskrise, in welcher Unsicherheit auch besonders unter jungen Erwachsenen weit verbreitet ist, gefährlicher Zündstoff für neue Ängste und regressive Zukunftsgestaltung.
Neu ist nur die Form, in der diese vermittelt wird. Und diese birgt die Gefahr, eine Bewegung entstehen könnte, die, aufgrund ihrer oberflächlich uneindeutigen Haltung zu rechten Standpunkten, eben diese weiter in den gesellschaftlichen Konsens bringen könnte. Die erschreckende Radikalität der Gruppierung wird in derartiger Weise kaschiert und durch popkulturelle Stilmittel propagiert, dass von der identitären Bewegung eine neue Form von Rassismus und faschistischer Ideologie auch in die bürgerliche Mitte getragen werden könnte. Der Verfassungsschutz bleibt in dieser Hinsicht leider untätig. Obwohl die Bewegung unter Beobachtung steht, wird noch nichts gegen die, teils offen rassistischen, Proklamationen der Identitären unternommen.