Gender

13.06.2015

Welche Bedeutung hat Sprache in unserer Gesellschaft?
Soziale Verhältnisse spiegeln sich in der Sprache der jeweiligen Gesellschaft wieder. Aus der Sprache und den Sprechgewohnheiten innerhalb einer Gesellschaft lassen sich Informationen über die sozialen Zusammenhänge und Strukturen ableiten. Anhand der Sprache werden Diskriminierungen, Hierarchien und Machtstrukturen deutlich. Diese sind nicht in der Sprache begründet, sondern werden von ihr reproduziert. Das heißt, dass Sprache nicht die Ursache für gesellschaftliche Verhältnisse ist. Sie wiederholt und vervielfältigt gesellschaftliche Verhältnisse und dient dazu, diese zu beschreiben und zu bewerten. Eine unkritische Sprache, die sich gesellschaftlicher Zustände bedient, hält diese Zustände also aufrecht, indem sie sie als unveränderbar darstellt. Somit hat Sprache das Potential, Menschen, die nicht den gesellschaftlich anerkannten (Geschlechter-)Kategorien entsprechen, zu diskriminieren.

Wie spiegeln sich gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht in der Sprache wieder?
Zumindest über die deutsche Sprache – und auch über viele andere Sprachen – lässt sich sagen, dass sie männlich dominiert ist. Das heißt, dass sie sich vorwiegend männlicher Sprachmuster bedient. Begriffe, die nicht nur männliche Personen meinen, sind männlich geprägt, z.B. wird bei Lehrkräften von „Lehrern“ gesprochen, auch wenn Lehrer und Lehrerinnen sowie Lehrkräfte, die sich nicht den binären Geschlechterkategorien (s. Text von Coco und Deubel) zugehörig fühlen, gleichermaßen gemeint sind. Wird davon gesprochen, dass „man“ oder „jeder“ etwas tun kann, sind nicht immer nur Männer gemeint, sondern es wird eine Allgemeinheit angesprochen, die Menschen geschlechtsunabhängig einbezieht. In einer Ausbildungsklasse für Kfz-Mechatronik wird von „Kfz-Mechatronikern“ gesprochen, auch wenn Frauen in der Klasse sind. In einer Ausbildungsklasse für angehende Erzieher*innen wird von „Erzieherinnen“ gesprochen, auch wenn Männer an der Ausbildung teilnehmen. Dadurch wird die gesellschaftlich vorherrschende Meinung reproduziert, dass Kfz-Mechatronik „Männersache“ und Erziehung „Frauensache“ sei.

Welche Möglichkeiten bietet Sprache?
Gleichzeitig kann Sprache, wenn sie kritisch eingesetzt wird, ein Bewusstsein für gesellschaftliche Zusammenhänge schaffen. Wenn beispielsweise nur noch von „Professorinnen“ gesprochen würde, könnte dies innerhalb der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es nicht nur männliche oder nicht nur weibliche Menschen mit Professur gibt.
Sprache bietet also auch die Möglichkeit, gesellschaftliche Strukturen kritisch aufzugreifen und Hindernisse für inklusives Handeln abzubauen. Bei bewusster Verwendung von Sprache hat diese also das Potential, emanzipatorische Inhalte zu leben und an einer sozialen Weiterentwicklung der Gesellschaft mitzuwirken.
Sprache ist ein Konstrukt, das dem ständigen Wandel unterliegt. Das heißt, sie passt sich den gesellschaftlichen Verhältnissen an, in denen sie verwendet wird. Wörter verändern sich und ihre Bedeutung, werden häufiger oder seltener genutzt, es entstehen neue Wörter oder es werden Wörter aus anderen Sprachfeldern (Fremdsprachen, Fachsprachen etc.) in den allgemeinen gesellschaftlichen Sprachgebrauch importiert. Der ständige Wandel der Sprache macht es möglich, Sprache zu verändern und einen wertschätzenden, inklusiven Sprachgebrauch zu etablieren.

Wie funktioniert ein emanzipatorischer Umgang mit Sprache?
Um Sprache zu verändern, muss sie zuerst kritisch betrachtet werden. Dazu gehört auch, die eigene Sprache zu reflektieren, also einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Welche gesellschaftlichen Strukturen bediene ich mit meiner Sprache? Welche Machtverhältnisse, Hierarchien und Ungleichwertigkeiten reproduziere ich?
Aus dieser Überprüfung ergibt sich, dass an verschiedenen Stellen gesellschaftliche Strukturen aufgebrochen werden können, wenn die Sprache an diesen Stellen verändert wird. Wie kann ich bewirken, dass ich Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität in meine Sprache einbeziehe? Wie kann ich Zusammenhänge und Strukturen geschlechtsunabhängig benennen, beschreiben und gegebenenfalls bewerten?
Ein Ansatz ist das Gender-Sternchen (z.B. Freund*innen) oder die Gender-Gap (Freund_innen). Diese Methoden stellen dar, dass nicht nur biologisch männliche oder biologisch weibliche Menschen gemeint sind, sondern alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht. Es ist also im Beispiel nicht nur „der Freund“ oder „die Freundin“ gemeint, sondern auch befreundete Menschen, die sich nicht den binären Geschlechterkategorien zugehörig fühlen.
In vielen Fällen lässt sich ein Wort, das in einem bestimmten Kontext diskriminierend ist, durch ein anderes ersetzen oder so verändern, dass es inklusiv wird. Nehmen beispielsweise an einem Seminar nicht nur Menschen eines Geschlechts teil, lässt sich statt von „Teilnehmern“ oder „Teilnehmerinnen“ gut von „Teilnehmenden“ sprechen. Dies geht nicht mit allen Wörtern so einfach, z.B. gibt es für „Schüler*in“ kein geschlechtsneutrales Äquivalent. Doch wer hat gesagt, dass wir die Sprache nicht unseren Bedürfnissen anpassen dürfen und nicht ein neues Wort erfinden und etablieren sollen? Das mag zwar zu Beginn seltsam und ungewohnt klingen, doch vor dem Hintergrund, dass sich Sprache ständig verändert, ist es vollkommen legitim, eine bewusste Veränderung vorzunehmen. Somit kann Sprache genutzt werden, um Diskriminierung und Machtstrukturen entgegenzuwirken und inklusiv und wertschätzend zu handeln.

Ein weiterer Punkt im emanzipatorischen Umgang mit Sprache sind Namen und Pronomen. Geburtsurkunde, Pass oder sonstige offiziellen Dokumente geben einen amtlichen Namen vor. Dieser muss nicht unbedingt der sein, mit dem ein Mensch auch im Alltag angesprochen werden möchte. So kann es beispielsweise sein, dass ein Trans-Mensch mit einem Namen angesprochen werden möchte, der eher zur eigenen Geschlechtsidentität passt. Dieser Mensch entscheidet sich dann möglicherweise auch für ein Pronomen, das er*sie für sich selbst als passend auswählt. Diese Pronomen müssen nicht unbedingt „er“ oder „sie“ sein. Es gibt auch Menschen, die sich für „es“ oder eine andere Form, z.B. „xier“, entscheiden. Jeder Mensch entscheidet selbst über den eigenen Namen und das eigene Pronomen – auch wenn es für andere Menschen eine Herausforderung oder Umgewöhnung ist, dies in den alltäglichen Sprachgebrauch zu integrieren.

Demnach ist Sprache nicht als Ursache oder Lösung für gesellschaftliche Zustände zu sehen. Sie ist Mittel, diese Zustände zu benennen und kritisch zu beschreiben. Dadurch kann ein Bewusstsein für die Zustände geschaffen werden, das Voraussetzung für Veränderung ist.